Kann man Amazon-Bewertungen noch trauen?

Der Onlinehandel boomt und das schon seit einer Weile. Es ist einfach, schnell und extrem komfortabel. Die meisten Onlineverkäufe werden über Amazon erledigt, über 50 Prozent aller online getätigten Einkäufe werden über Amazon abgewickelt. Das Angebot ist riesig, unzählige Händler bieten nahezu jeden erdenklichen Artikel an. Die Konkurrenz ist also riesig und Händler haben es schwer, mit den großen Anbietern mitzuhalten.

Die Bewertungen sind neben der Produktbeschreibung und dem Preis die einzige Möglichkeit für Händler, Kunden von sich zu überzeugen. Gerade bei Amazon kann man bei den Beschreibungen häufig aber nicht viel ändern und beim Preis sind die Händler oft schon an der Schmerzgrenze, manchmal auch darüber hinaus. Bleiben also nur die Bewertungen. Und die nutzen fast zwei Drittel aller Käufer als Entscheidungshilfe. Kein Wunder, denn während man im Laden das Produkt auch mal in die Hand nehmen und testen kann muss man sich beim Onlineshopping auf die Angaben des Verkäufers verlassen. Vermeintlich echte und objektive Bewertungen schaffen deshalb Vertrauen und geben uns das Gefühl, relativ gut über das Produkt Bescheid zu wissen. Hat ein Produkt keine Bewertungen, also auch keine negativen, finden das dennoch 39 Prozent der Onlinekunden suspekt und vertrauen dem Produkt deshalb weniger. All das wissen natürlich auch die Verkäufer, weshalb sie versuchen, mit Tricks von sich zu überzeugen.

Viele Bewertungen sind gekauft

Leider arbeiten dabei nicht alle Anbieter mit sauberen Mitteln. Gibt man nur die beiden Schlagworte Amazon und Bewertungen bei Google ein, werden diverse Anbieter vorgeschlagen, die gegen Geld Bewertungen versprechen. Eigentlich hat Amazon die Richtlinien für Bewertungen verschärft, nachdem es immer mehr Kritik an gefakten Bewertungen gab. Verschwunden sind sie dennoch nicht. Auch einen Rabatt für eine Bewertung darf man eigentlich nicht mehr anbieten. Schaut man sich aber beispielsweise auf Facebook um findet man diverse Gruppen, in denen man Ware gegen Bewertung tauschen kann oder den Kaufbetrag nach der Bewertung über Paypal erstattet bekommt.

Kundenbewertung und Expertenmeinung gehen weit auseinander

Ein Grund, den Bewertungen jetzt zu trauen ist das also leider nicht. Denn der Kauf von Bewertungen ist nun nur etwas umständlicher geworden, gemacht wird es aber noch immer. Außerdem lässt eine Studie der TU Dortmund daran zweifeln, wie vertrauenswürdig solche Bewertungen sind. Denn in dieser Studie kam heraus, dass die Ergebnisse der Stiftung Warentest sich nicht in den Bewertungen widerspiegeln. In vielen Fällen widersprachen sie sich sogar. Ich persönlich werfe zwar auch immer ein Auge auf die Bewertungen, versuche aber, ihnen nicht zu viel Bedeutung zuzumessen. Das liegt aber vermutlich auch an meinem persönlichen Bewertungsverhalten. Lief ein Kauf gut ab und hat mir keine Probleme beschert ist das für mich im Normalfall keine Bewertung wert. Wenn überhaupt gebe ich Bewertungen ab, wenn etwas nicht nach Plan lief. Die kann dann immer noch positiv ausfallen, wenn ich zufrieden damit war, wie mit dem Problem umgegangen wurde. Für einen ereignislosen Kauf eines Produktes, das meine Erwartungen erfüllte habe ich aber bisher so gut wie noch nie eine Bewertung abgegeben. Vermutlich geht es aber den meisten so oder so ähnlich. Denn je nach Produkt und Anbieter liegt die Bewertungsquote bei Amazon bei etwa einem bis drei Prozent. Oft auch niedriger.

Amazon geht inzwischen verstärkt gegen gefälschte Bewertungen vor und löscht diese, wenn sie gemeldet werden. Händler die erwischt werden müssen damit rechnen, dass Amazon ihre Accounts sperrt. Außerdem müssen Händler, die gefälschte oder gekaufte Bewertungen einsetzen auch mit Abmahnungen wegen unlauteren Wettbewerbs durch andere Anbieter rechnen.

So durchschaust du Fakebewertungen

Screenshot von https://reviewmeta.com/amazon-de/B06X3Z14WB

Es gibt eine Reihe an Möglichkeiten, mit denen man tendenziell unechte Bewertungen erkennen kann. Allerdings hat dafür wohl kaum jemand Zeit. Glücklicherweisegibt es aber den Webdienst Reviewmeta. Dort gibst du den Link zu deinem gewünschten Produkt an und du bekommst eine Auswertung der Bewertungen.

Reviewmeta erkennt verdächtige Bewertungen und liefert dir eine korrigierte Bewertung. Im Beispiel bleiben von den 206 Bewertungen mit einer Durchschnittsnote von 4,5 nur 39 Bewertungen, die nicht verdächtig erscheinen. Deren Note liegt auch nur noch bei 3,6.

Meine Empfehlung lautet daher, dass ihr euch immer auch die Bewertungen von Reviewmeta anschaut. Recherchiert außerdem nach neutralen Vergleichen oder Produktvorstellungen im Netz. Auch das ist aber inzwischen leichter gesagt als getan. Denn eigentlich alle dieser Vergleichs- und Empfehlungsseiten basieren nur darauf, dass die Betreiber eine Umsatzbeteiligung bekommen, wenn jemand über deren Seite den Artikel kauft.

Die Objektivität solcher Seiten lässt deshalb zu wünschen übrig. Auch auf vermeintliche Kommentare und bestätigte Käufe sollte man eher wenig vertrauen. Affiliate Marketing sind für viele die ersten Schritte im Onlinemarketing. Und das ist auch nicht schlimm, auch ich habe meine ersten Erfahrungen mit kleinen Amazon-Projekten erzielt. Viele legen aber dabei wenig bis keinen Wert auf verlässliche Inhalte, die den Besuchern Mehrwert bringen. Bei vielen Online-Marketern stehen die Umsätze in Vordergrund und die Inhalte werden nur darauf ausgerichtet, eben möglichst hohe Umsätze zu bescheren. Möglicherweise angebrachte und gerechtfertigte Kritiken fallen da schon mal unter den Tisch und positive Eigenschaften werden betont und in den Vordergrund gedrängt.

Für solche Marketer halte ich übrigens auch den allergrößten Teil aller Anbieter von Onlinekursen zum Onlinemarketing. Gemeint sind damit vor allem solche, die dir großen Reichtum in kurzer Zeit versprechen. Und um das zu unterstreichen prahlen sie in den Videos (wer was auf sich hält dreht die natürlich irgendwo am Meer) mit Bargeld, Uhren und Autos. Gegen eine Gebühr sind sie dann bereit dich und das natürlich ganz exklusiv in die Geheimnisse ihres Erfolgs einzuweihen. In der Regel erfährt man vorab so gut wie nichts zum Inhalt der Kurse. Wer schon einmal so eine Werbung gesehen hat wird wissen, was ich meine.

Mein Tipp an Amazon-Verkäufer

Ihr verkauft selbst bei Amazon oder habt es vor? Dann habe ich einen Tipp für euch: Lasst es. Wenn ihr euch schonmal damit beschäftigt habt, euch im Internet selbstständig zu machen werdet ihr garantiert auch schon auf Videos und Seiten gestoßen sein, die euch verraten wollen, wie man mit Amazon ein Vermögen macht.

Klar, das ist möglich. Genauso, wie im Kapitalismus jeder reich werden kann kann auch jeder Amazon-Verkäufer reich werden. Aber eben nicht alle, nicht mal ansatzweise. Der Grund, weshalb solche Amazon-Profis ihr Wissen teilen dürfte hauptsächlich der sein, dass sie eben kein Vermögen mit Amazon verdienen. So verdienen sie zumindest etwas mit Webinaren.

Laut Marketplacepulse gibt es über sechs Millionen Händler auf Amazon, von denen aber nur etwa ein Drittel wenigstens ein Produkt anbietet. In seinem Brief an die Anteilseigner schrieb Jeff Bezos 2017 zudem selbst, dass es weltweit 140.000 Händler mit mehr als 100.000 US-Dollar Umsatz gibt, was zu der Zeit etwas über 80.000 Euro gewesen sein dürften. Nur 20.000 Händler schafften es, die Marke von einer Million Dollar zu reißen. Gemeint sind hier Jahresumsätze. Das klingt viel, ist es aber nicht. Denn bei Amazon ist der Konkurrenzdruck riesig und die Preise niedrig, die Margen sind deshalb sehr niedrig. Außerdem bekommt man von Amazon sehr viele Vorgaben gemacht und muss eine Verkaufsgebühr in Höhe von sieben bis 20 Prozent zahlen. Jeder fünfte Artikel wird mit Verlust verkauft. Im Durchschnitt liegt die Marge bei 12,5 Prozent. Davon müssen dann noch Fixkosten bezahlt, Rücklagen gebildet und Mitarbeiter bezahlt werden. Im stationären Einzelhandel liegen die Margen je nach Branche bei 20 bis 50 Prozent.

Natürlich kann man es dennoch schaffen. Von den vielen Webinaren, die sich aber immer nur darum drehen, ein Produkt in China einzukaufen und es unter eigenem Label auf Amazon zu verkaufen, kann ich letztlich trotzdem nur abraten. Falls ihr schon anderswo verkauft und nach weiteren Absatzmöglichkeiten sucht kann sich Amazon lohnen, ein Neueinstieg mit FBA oder ähnlichem ist aber mit großen Risiko verbunden. Für den Einstieg finde ich deshalb eBay passender. Außerdem sind dort die Gebühren niedriger.

Die haltet ihr es mit Onlinebewertungen? Vertraut ihr ihnen, checkt ihr sie oder ignoriert ihr sie völlig? Und wie schaut es mit eurem eigenen Bewertungsverhalten aus, wann und warum bewertet ihr? Schreibt es in die Kommentare!